MENU
Startseite > Internationales ↓ > Reiseberichte / Impressionen → > Kasachische Impressionen

Kasachstan

Kasachstan ist eine Reise wert

Weit in den Osten zog es uns.

Kasachstan, das neuntgrößte Land der Welt, ist unser Ziel. Ein fast unbekanntes Land und seine ganz besonderen ökologischen Probleme wollen wir hiermit etwas vorstellen.

Kasachstan ist brandneu. Vielleicht ist es auch deswegen so unbekannt. Seit 1990 ist es ein eigener Staat. Vorher gehörte Kasachstan zur Sowjetunion und die hat das dünn besiedelte Land unter anderem als Atomtestgelände mißbraucht.

In der Zeit von 1949 - 1989 haben dort 498 Atombombentests stattgefunden, 107 davon oberirdisch. Teilweise wurden die Dörfer vor den oberirdischen Explosionen nicht evakuiert, da man testen wollte, wie die Menschen auf die Verstrahlung "reagieren". ¼ aller weltweiten Atomtests haben in Kasachstan, genauer gesagt im Gebiet "Zharkent", stattgefunden. Zusammen entspricht die Sprengkraft dieser Atomtests 1250 Hiroshima - Bomben.

Obwohl Kasachstan seit seiner Unabhängigkeit keine Atomversuche mehr zugelassen hat, ist ihr schreckliches Erbe in Zharkent allgegenwärtig:

Durchschnittliche Lebenserwartung 47 Jahre (kasachischer Landesdurchschnitt: 68 Jahre), hohe Kindersterblichkeit, genetische Mutationen (die von Generation zu Generation schlimmer werden), viele Krebsfälle und eine verbreitete Immunschwäche, die an Aids erinnert und darum "Semipalatinsk-AIDS" genannt wird. Semipalatinsk war das Haupt - Atomtestgelände.

Während Tschernobyl allen ein Begriff ist und Hilfe im gewissen Maße geleistet wird, ist die kasachische Atomtragödie so gut wie unbekannt. Das ist auch der Hauptgrund warum wir in den letzten beiden Augustwochen nach Kasachstan reisen wollen.

Wir wollen uns ein Bild von der Situation machen, Kontakte knüpfen und überlegen, wie wir helfen können. Angeregt hat uns dazu die Studentin Inna Klause, die bis zu ihrem 13. Lebensjahr selbst in Kasachstan gelebt hat und nun bei uns aktiv ist.

Aber wir sind natürlich auch sonst gespannt mehr über Kasachstan zu erfahren. 2.717.300 Quadratkilomter groß ist Kasachstan. 16.464.464 Menschen leben dort (darunter 44,3% Kasachen, 35,8% Russen, 5,1% Ukrainer, 3,6% Deutsche ...). Die eine Hälfte der Bevölkerung ist muslim, die anderen 50% christlich orientiert.

61% der Menschen leben in den Städten, Almaty, eine Stadt die wir auch besuchen werden, hat 1.176.000 Einwohner.

Nachdem die Wirtschaft in den Jahren 96 und 97 wuchs, ist die ökonomische Situation momentan sehr schlecht. Die Armut ist recht groß.

Aufpassen auf alles tut der autoritär regierende Präsident Nasarbajew, der 1999 wiedergewählt wird. Die Opposition wirft ihm Wahlfälschung und die Einschränkung der Demokratie vor. Z.B. durften zwei aussichtsreiche Gegenkandidaten aus fadenscheinlichen Gründen nicht als Kandidaten zur Wahl antreten.

Achim Riemann

Kasachstan 2000 - ein Reisetagebuch

700 Meter in Kasachstan...

19./20.08.

Wir trafen uns alle (bis auf Marco, der plötzlich erkrankt war) planmäßig am Hamburger Flughafen, checkten ein, tranken noch etwas und machten uns dann auf den Weg nach St. Petersburg (in einer TU 1a54). Während des Fluges, der sehr ruhig verlief, gab Olga einigen schon etwas Nachhilfe in kyrillischen Buchstaben.

Nach ungefähr 1 ¾ Stunden kamen wir an und verbrachten die drei Stunden bis zum Weiterflug in zwei Wartehallen, da wir als Transitpassagiere nicht einreisen durften. Vor dem Weiterflug nach Almaty bekamen wir mit, dass es keine Platzreservierungen gibt und es bildete sich dann auch ziemlich schnell eine ziemlich große Menschentraube um den Eingang zur Gateway. Mit etwas Verspätung starteten wir schließlich, um weiter Richtung Südosten zu reisen (in einer IL 86). Während dieser noch ruhigeren Strecke taten wir nicht sehr viel und ließen uns die wichtigsten Vokabeln und Floskeln von Olga auf russisch aufschreiben. Mitten in der Nacht (um 3 Uhr) landeten wir in Almaty. Noch bevor wir unser Gepäck holten, füllten wir einen Schein (in doppelter Ausführung) aus, auf dem angegeben werden musste, was man z.B. an Bargeld, Wertsachen, Drogen, Waffen, Büchern und anderen Schriften, Gepäckstücken und Transportmitteln (Autos...) einführt. Danach holten wir das Gepäck, das noch einmal durchleuchtet wurde und kamen ohne größere Kontrollen in die Wartehalle, wo Inna uns mit Gulja, unserer Gastgeberin, abholte. Mit einem größeren Kleinbus (ca. 15 Sitze, wenig Kofferraum - Privattaxi) wurden wir mit einem Mordstempo (bis knapp 100 km/h) auf Strassen, die von der Qualität und Quantität der Schlaglöcher die DDR leicht übertrafen, nach Talgar, einen Vorort von Almaty gebrach, wo wir im fünften Stock eines Hauses eine Wohnung für uns haben und ziemlich schnell ins Bett gingen. Gegen Mittag standen wir auf und werden uns wohl demnächst auf den Weg nach Almaty machen.

Beim Blick aus dem Fenster sieht man einige, sehr sozialistisch aussehende Gebäude, die ersten Berge (im Hintergrund schneebedeckt, aber wegen des Dunstes manchmal nicht genau zu erkennen) und einige Bäume unter dem wolkenlosen Himmel.

Wir haben uns ein wenig in der Gegend (um das Haus herum) umgesehen, wo die vielen Kinder aller Altersgruppen zusammen spielen und haben ihnen, in der Sonne sitzend, zugeschaut. Dann haben wir gegessen und auf Inna gewartet, die die letzte der Gruppe (Gerhild) am Bahnhof getroffen hat.

Später, am Nachmittag, sind wir zusammen mit Gulja losgezogen, um am Fluss zu schwimmen. Der Weg war länger als wir dachten (und als uns gesagt wurde...700 Meter!!!) und der Fluss war ein schnell fließender Kanal im naturnahen Betonbett. Einige gingen trotzdem schwimmen, die anderen ruhten sich aus oder badeten ihre Füße. Den ersten Teil des Rückwegs, den wir ziemlich bald antraten, bewältigten wir zu Fuß, dann warteten wir auf den Bus (einen alten Schulbus aus Deutschland, den der Fahrer dort abgeholt hat). Der Fahrer nahm uns freundlicherweise mit, obwohl wir nicht genug Geld dabei hatten und die Wechselstuben auch schon geschlossen hatten. Aufgrund dieses Problems suchten wir lange Zeit nach einem Restaurant, dass uns gegen Pfand mit Essen versorgen würde. Schließlich fanden wir eins, aßen (Lagmahn - ein Nudelgericht mit Gemüse und Fleisch, sehr typisch) und fuhren mit privaten Taxis zurück zur Wohnung, wo wir uns noch eine Weile mit Tee trinken und reden beschäftigten und nach und nach ins Bett gingen.

21.08.

Wir standen gegen 8:30 Uhr auf, aßen und wurden mit dem Bus nach Almaty gebracht (was sich vom Aussehen her nicht stark von Talgar unterscheidet, außer, dass alles dichter beisammen ist), wo wir als erstes zum Haus der Demokratie fuhren und uns mit Vertretern der Gruppe `Frauen des Ostens´ und `Nevada - Semipalatinsk` trafen. Da die Behörde, bei der man sich offiziell anmelden muss, geschlossen war, machten wir uns gleich daran, die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu sehen, natürlich erst, nachdem wir Geld gewechselt hatten.

Wir sahen uns zum Beispiel eine nur aus Holz (ohne Nägel) gebaute Kirche an, die in einem kleinen Park steht, der 28 Helden des 2. Weltkriegs gewidmet ist (die kurz vor Moskau deutsche Panzer gestoppt haben). Nachdem einige die Kirche von innen gesehen haben, gehen wir weiter und an dem riesigen Kriegerdenkmal mit ewigem Feuer vorbei (Krieg der Roten gegen die Weiße Armee 1917-1921, 2. Weltkrieg). Nach einem weiteren, kurzen Streifzug in Richtung des Basars (der geschlossen hatte) gingen wir zum Essen in ein feines Restaurant, wo wir eine japanische Delegation aus Hiroshima und einige Kasachen (darunter Renata, ein 17-jähriges Opfer der Atomtests - sie hat den Körper eines einjährigen Kindes). Nach dem Essen (Lagmahn, Huhn, Fisch) übten wir uns noch im Papierkranich basteln (das japanische Zeichen gegen Atomkraft, -waffen, etc.), schossen ein paar Fotos und gingen wieder zum Bus. Wir fuhren, vorbei an Nasarbajews protzigem Palast (er hat für Besuche hier eine eigene Strasse ohne Schlaglöcher vom Flughafen zum Palast), hoch in die Berge zu einem Luftkurort (?), dem `Medeo`. Dort gibt es ein Eisstadion, das im sozialistischen Betonblockstil erbaut wurde und eine Treppe mit 700 Stufen, die zu einem Aussichtspunkt führt. Wir erklommen die Stufen, ruhten uns oben aus, machten Fotos und stiegen, nachdem starker Wind und Regen einsetzten, schnell wieder nach unten. Wir tranken noch einen Tee (nachdem Olga die Leute in dem Restaurant überredet hatte, dass sie ein Geschäft machen, wenn sie uns Tee verkaufen) und fuhren wieder nach Hause, wo wir noch einkaufen gingen, aßen, uns unterhielten (u.a. diskutierten wir über die Planung der Restzeit und wurden von einem kurzzeitigen Stromausfall unterbrochen) und schließlich ins Bett gingen.

22.08.

Wir standen nach einer weiteren heißen Nacht gegen 8 Uhr auf, machten uns fertig und wurden um 9 Uhr abgeholt. Wir fuhren nach Almaty und gingen als erstes zum Haus der Demokratie und dann weiter in Richtung Behörde, um uns anmelden zu können. Wie es bei Behörden nun mal so ist, wurden wir mehrmals hin und her geschickt, nur, um zu erfahren, dass wir ganz woanders hin mußten. Auf dem Weg dorthin gingen wir noch bei der Post vorbei und kamen dann, nach einem längeren Fußmarsch durch die Hitze, bei der richtigen Behörde an. Uns wurde gesagt, dass alles eine Weile dauern würde und es uns pro Person 2.500 Tengir (ca. 35-40 Mark) kosten würde. Da wir keine andere Wahl hatten, warteten wir, bis Inna das Geld von der Bank geholt hatte und machten uns wieder auf den Weg in Richtung Haus der Demokratie. Wir kamen dort 2 ½ Stunden später an, als es geplant war, worauf Urkys etwas gereizt reagierte. Deshalb beeilten wir uns mit dem Essen in der dortigen Kantine und machten uns auf den Weg zu einer Schule, die u.a. Ökologie unterrichtet. Leider waren wir auch dort viel zu spät, wurden aber trotzdem sehr herzlich empfangen und hörten uns zwei Vorträge von Schülern über Verschmutzung, Gesundheit und Strahlung an. Außerdem erzählte uns die stellvertretende Schulleiterin etwas über die Schule (sie hat 1330 Schüler, Tendenz steigend) und zeigte uns einige Räume. Wir kehrten zum Haus der Demokratie zurück und fingen an, die nächsten Aktivitäten zu planen. Dabei kam es zu allerlei Verwirrungen, da wir uns dazu entschlossen hatten, auf jeden Fall zwei Tage zu wandern, aber Urkys davon nichts wissen durfte und einige andere Pläne für uns hatte (die aber wohl nicht sehr durchgeplant waren).

Nach mindestens einer Stunde des Planens, Pläneverwerfens und Neuplanens zogen wir los, um Bus-/Zugtickets und Verpflegung für die Wanderung zu besorgen. Erst gingen wir zusammen fünf Minuten vor Ladenschluss Lebensmittel kaufen und wurden irgendwann vor die Tür gesetzt. Dann fanden wir eine Fußgängerzone, in der auch Strassenverkauf von Obst und Gemüse stattfand und trennten uns, Inna und Kristin gingen in Richtung (Bus-)Bahnhof, um Tickets zu besorgen und wir anderen blieben bei den Geschäften (in der Fußgängerzone gab es eine Menge Bettler, viele von ihnen Kinder oder Alte, einige Hare-Krishna singende Leute und Jugendliche, die sich Geld erbettelten, indem sie Breakdance vorführten). Um neun Uhr wollten wir uns wieder treffen...

Wir sahen uns das `westlichste` Kaufhaus in Almaty an (ZUM) und klapperten diverse Marktstände ab, immer begleitet von bettelnden Kindern und Frauen (die Kehrseite des von Präsident Nasarbajew versprochenen Reichtums, der nur ihn selbst reich[er] macht). Gegen neun waren wir beim Treffpunkt, wo der Bus schon auf uns wartete. Allerdings waren die beiden anderen noch nicht da, was uns nicht weiter beunruhigte, da Zeit- oder Entfernungsangaben nicht so genau genommen werden (=> 700 Meter!!!). Nach etwas mehr als einer Stunde begannen wir uns Sorgen zu machen, was soweit führte, dass Gulja einen befreundeten Milizionär (=>Polizisten) anrief, der mit ein paar von uns (betrunken am Steuer) die Bahnhöfe abklapperte. Zwischendurch erreichten wir auch Marco (wir hatten schon vorher probiert, ihn anzurufen), der sich entschlossen hatte, am Donnerstag früh um 3 Uhr in Almaty zu sein. Das überschnitt sich aber mit unseren mühsamst erarbeiteten Plänen, weshalb schnell eine rege Diskussion einsetzte. Währenddessen machten wir uns immer noch -Sorgen um die beiden vermissten, bis wir sie in der Wohnung schließlich erreichten und uns gegen Mitternacht mit einem mittlerweile ziemlich genervten Busfahrer (er wollte sich eigentlich um kurz nach neun mit einem Freund treffen) auf den Rückweg machten 8er fuhr schneller als sonst - festhalten war ratsam). Zuhause redeten wir kurz über den `Zwischenfall`, aßen, diskutierten, wie mit Marco verfahren werden sollte, duschten uns und packten die Rucksäcke für den nächsten Morgen.

So gegen drei Uhr schafften wir es endlich, ins Bett zu gehen.

23.08.

Wir standen so ab 7 Uhr auf, da wir teilweise unser Gepäck für die Wandertour noch packen mussten, frühstückten und gingen, nachdem die letzten Einkäufe und Gerhild eingetroffen waren mit dem Gepäck auf die Strassen runter. Dort hielt Gulja einfach so auf der Strasse einen Kleinbus an und fragte den Besitzer, ob er uns (entgeltlich natürlich) zur Naturschutzorganisation bringen könnte, die uns einen Führer (Bewacher) für die Wanderung zur Verfügung stellen wollte/sollte. Nachdem wir dort ankamen, dauerte es wieder eine Weile und dann kamen zwei Angestellte der Organisation (Medeo und Wladimir), um uns zu begleiten (sie wären noch 5 Minuten da gewesen, danach hätten wir wahrscheinlich niemanden mehr gefunden). Es wurde wieder derselbe Kleinbus (ob er dieses Mal bestellt war oder nicht - keine Ahnung) angehalten und wieder stiegen alle ein (für sieben Personen ausgelegt - besetzt mit 13 Personen und Gepäck). Dieses Mal fuhren wir soweit wie möglich in die Berge, damit wir die ewig lange Asphaltstrecke nicht zu Fuß bewältigen mussten . Dann ging es, nach einer Belehrung über die Aufgaben der Naturschutzorganisation (aufforsten), endlich los mit wandern. Wir gingen ca. 30 Minuten, dann machten wir die erste Pause und gingen wieder los, bis wir, wieder nach nicht allzu langer Zeit, an unserem Ziel, einem kleinen Bauernhof, ankamen. Dort wartete die uns von Gulja versprochene Überraschung: eine Jurte, in der wir übernachten und essen durften, was wir auch schnell und reichlich taten (Gulja hatte uns versprochen, die Planung zu übernehmen und eine Überraschung dazu; ich weiß nicht, inwieweit alles von ihr auch wirklich geplant wurde und inwieweit alles wieder Zufall war). Danach machten wir eine kleine Vorstellungsrunde und tranken noch ein paar Schalen Tee und dann machten wir uns mit zwei Pferden auf den Weg in die Berge. Erst wurde uns eine künstliche Grotte gezeigt, die mal eine seismische Station beherbergte und dann gingen wir in Richtung eines Berggipfels (der Berg erinnert in seine Form an eine Dombra, das typische kasachische Instrument), den wir aber wegen eines aufziehenden Gewitters und Regens nicht mehr erreichten (das _Wetter wechselte unheimlich schnell von bedeckt und ein bisschen Regen über wolkenlos, sonnig und heiß zum besagten Gewitter). Die Aussicht war aber immer wieder herrlich, obwohl es die ganze Zeit etwas diesig war. Als wir zurückkamen, war die Banja (=>Sauna) schon vorgeheizt und wir kamen doch noch in den Genuss derselben (es hatte am Tag vorher nicht geklappt, da dieser Plan beim Planen im Haus der Demokratie unter die Räder gekommen war - wir wollten ursprünglich in Almaty in eine öffentliche Banja gehen). Leider waren wir mit den Sitten und Gebräuchen nicht so vertraut: zuerst waren wir Jungs in der Banja und um uns abzukühlen, dachten wir, springen wir in den Fluss. Das taten auch die ersten beiden (Lars und Thomas) - mit Unterhose, da wir schon vorher, als wir Anstalten machten, nackt rauszulaufen, aufgeklärt wurden, dass das nicht sein durfte. Es gab eine Menge Gekicher von Seiten der Töchter des Bauern, die so etwas noch nie gesehen hatten und auch die Frauen, die in der Jurte saßen, hatten ihren Spaß.

Danach aßen wir ein wenig und beschäftigten uns, immer müder werdend, bis dann noch einmal Tee aufgefahren wurde (wieder direkt aus dem Samowar) und wir zusammen mit dem Bauern und seiner Frau (wie schon am Mittag) aßen. Danach gab es vier Runden ökologisch reinen Spiritus (Wodka, unser erster hier, wahrscheinlich selbstgebrannt) und die entsprechenden Toasts (Wodka darf nur nach einem kurzen Toast getrunken werden - wer es nicht tut, gilt als Alkoholiker). Kurz darauf räumten wir die (inzwischen schon an den Nähten leckende) Jurte um und legten uns schlafen. Leider wurden wir gegen 2 Uhr (??) dadurch geweckt, dass der Wind (es stürmte richtig) kleine Teile des Filzdaches überklappte, wodurch es auch in der Jurte kälter und ungemütlicher wurde und es reinregnete. Es wurden die zuständigen Leute geweckt und es wurde angeboten, dass wir im Haus schlafen könnten. Dieses Angebot nahmen einige von uns an und wir kamen alle noch zu genug Schlaf (auch in die Jurte regnete es nicht mehr rein, da der Filz wieder befestigt wurde).

24.08.

Wir standen alle so nach und nach auf (7-9 Uhr) und taten so ziemlich gar nichts, außer die Jurte aufzuräumen und in der Sonne zu sitzen (vom Sturm der letzen Nacht war nichts außer den Erinnerungen übrig geblieben). Irgendwann aßen wir dann wieder zusammen mit dem Bauern und brachen dann auf in Richtung des Flusses, der direkt hinter dem Haus fließt. Wir überquerten ihn und machten ein Feuer, um unsere Würstchen zu grillen. Während wir dort in der Sonne am Feuer saßen, machte uns Medeo darauf aufmerksam, dass die hohen Berggipfel viel weißer waren, als noch am Tag vorher und dass der Niederschlag (der letzten Nacht) dort offensichtlich Schnee war. Als das Feuer runtergebrannt war, gingen wir wieder nach oben, machten ein paar Fotos, vergaben unsere Gastgeschenke (ich habe noch nie Kinder gesehen, die sich über eine Tüte Gummibärchen so gefreut haben!! - andererseits wurde der Tee, den wir dem Bauern schenkten so aufgenommen, als ob uns sein Tee nicht geschmeckt hätte) und machten uns nach einer herzlichen Verabschiedung wieder auf den Weg zurück. Dieses Mal gingen wir eine andere Strecke, die aber, wie die erste schon, durch jede Menge Apfelhaine führte. Da es nicht sicher war, ob ein Bus fahren würde, gingen wir langsam die Strasse runter, ließen uns von Wladimir und Medeo die Früchte ihrer Arbeit zeigen (neugepflanzte Bäume) und fuhren schließlich mit dem Bus zurück in die Stadt. Dort angekommen gingen wir noch in eine Bar, um etwas mit den beiden Führern zu trinken. Erst gab es Bier, dann eine Flasche Wodka. Am Anfang kam noch ein kräftiger, angetrunkener Russe an unseren Tisch und fragte Thomas, ob er Russe sei und laberte ihn auf russische zu (wann und als was er beim Bund war..., dass er selber am Schwarzen Meer bei der Marine war). Dann forderte er ihn auf, richtig, russisch mit ihm zu trinken (Wodka anstatt Bier) und wollte mit ihm reiten gehen (?).

Als Thomas ablehnte, wurde er etwas sauer, aber nach Gerhilds Beschwichtigungen und einem Zigarettentausch mit Thomas zog er dann ab. Irgendwann forderten unsere Gastgeber uns Deutsche auf, deutsche Lieder zu singen. Das war ziemlich peinlich, da es nichts gab, was wirklich alle von uns kannten. Nach einigen Versuchen mit der `Biene Maja` (nicht wirklich deutsch) sang uns dann die Kellnerin mit dem Karaoke-Gerät etwas vor, woraufhin auch wir anfingen, dieses Gerät zu nutzen, immer abwechselnd in russisch/kasachisch und englisch (Tears in Heaven, Another Day in Paradise, Winds of Change,...). Nach einer weiteren Flasche Wodka machten wir uns dann auf den Weg, verabschiedeten uns von Medeo (Wladimir war schon früher gegangen), der uns allen noch einen Bruderkuss gab. Wir fuhren mit privaten Taxis nach Hause, besprachen dort, dass wir die Wohnung räumen würden (nicht mehr dort übernachten werden), packten, duschten und gingen ins Bett.

25.08.

So gegen 7:30 Uhr standen wir auf, packten unser ganzes Zeug zusammen und warteten auf den Bus, der zum ersten Mal nicht rechtzeitig da war. Nach ca. 45 Minuten kam er dann und wir fuhren nach Almaty zum Busbahnhof. Dort gingen wir in das Gebäude und holten dort noch etwas zum Essen für die Fahrt. Da noch nicht geklärt war, ob wir mit einem privaten oder einem Linienbus nach ‡unûa fahren würden, warteten wir auf die Entscheidung: letztendlich fuhren wir mit einem privaten Bus. Also machten wir uns auf den Weg. Die Landschaft änderte sich langsam, es waren weniger Häuser am Strassenrand und es wurde flacher und weniger grün. Wir hielten unterwegs drei Mal: einmal en kurze Pause mitten in der `Wildnis`, einmal in einem Ort, wo wir Obst kauften und von den Einheimischen angestarrt wurden und einmal, weil der Bus kaputt war. Erst machten wir das beste aus der Pause und aßen und dann stiegen wir für den Rest der Strecke um in den Linienbus. Wir mussten zwar stehen, aber das machte uns nicht furchtbar viel aus (=>ohne unseren Sarkasmus und diverse Zitate aus dem „Großen Diktator“ hätten wir die Reise wahrscheinlich nicht überlebt). Als wir in ‡unûa angekommen waren, gingen wir los zum Rathaus, um den Bürgermeister (Akim) zu treffen. Auf dem Weg wurden wir wieder angestarrt, als ob wir von einer anderen Welt wären (irgendwie stimmt das ja auch). Beim Rathaus warteten außer dem Bürgermeister noch zwei Vertreter des lokalen Zentralkrankenhauses auf uns, da wir als eine Gruppe deutscher Mediziner/Ärzte angekündigt worden waren (aus unerfindlichen Gründen). Wir werden wahrscheinlich nicht den bestmöglichen Eindruck gemacht haben, als wir verschwitzt, erschöpft und unrasiert beim Bürgermeister ins Zimmer gingen. Wir stellten ihm ein paar Fragen über die Situation in seinem Rajon (=>Bezirk, Provinz), über die ökologischen Besonderheiten und Probleme und über die gesundheitliche Lage (=>Auskunft: alles normal). Wir machten noch Fotos und besuchten dann das Krankenhaus: 130 Betten, 32-38 Ärzte, insgesamt ca. 120 Mitarbeite, Geburtsstation, 2 OPs, Ambulanz und einige neue Geräte, die von einer japanischen Delegation mitgebracht wurden. Dazu gibt es in dem Krankenhaus einen festen Tagesablauf, der auch möglichst strenge eingehalten wird. Die Gartenanlagen werden von den Mitarbeitern gepflegt. Alles in allem machte das Krankenhaus einen besseren Eindruck, als wir erwartet hatten. Dann fuhren wir zum Essen. Es gab uigurische Spezialitäten (immerhin befanden wir uns im Rajon „Uiguria“), dazu Wodka, Kognak, Wein, Wasser und Tee. Vom Restaurant aus wurden wir zu einem Kurort/Sanatorium gebracht, der ca. 50 km weit weg liegt. Dort gibt es mineralienhaltige Heilquellen und wir sollten uns dort ausruhen, wenn uns jemand sprechen möchte, würde er dorthin fahren (meinte der Bürgermeister). Als wir angekommen waren belegten wir erstmal die Drei- bzw. Vierbettzimmer. Dann wurde uns das Gelände gezeigt, das separate Wasch- und Badegelegenheiten für Männer und Frauen hat, zwei Swimmingpools (=>einen heißen und einen warmen) und wir wurden uns selbst überlassen. Erstmal gingen wir alle unter dem unglaublich schönen Sternenhimmel schwimmen und gingen dann nach und nach ins Bett.

26.08.

Nach einer gut durchschlafenen Nacht standen wir so ungefähr ab 9 Uhr auf und gingen erstmal schwimmen. Dann saßen wir eine ganze Weile herum und ruhten uns aus, bis wir schließlich gegen 12 Uhr „frühstückten“. Auch danach taten wir nicht allzuviel, außer Tee trinken, in der Sonne sitzen, reden, lesen und Melone essen. Zwischendurch ging man ins Wasser oder ließ es sein. Einige von uns machten kurze Spaziergänge in die Steppe, die, obwohl sie spärlich bewachsen ist, eine überraschend große Vielfalt von Pflanzen beherbergt, auch solche, die dünne Blätter haben (=>nicht kakteenartig). Allerdings zeigten sich wenig Tiere, obwohl es viele, von Tieren gemachte Löcher im Boden gab und das Klima richtig wäre für Skorpione und Schlangen. Etwas unwirklich wirkte der tiefblaue Himmel, da sich bis zum Nachmittag nicht eine einzige Wolke zeigte und durch den diesigen Horizont der Übergang von Himmel zu Erde verschwamm.

Am Ende des geruhsamen Tages gingen wir gemeinsam in die Steppe und sahen uns den Sonnenuntergang an, der sehr schnell vonstatten ging. Bald mussten wir uns auch von den Scharen von winzigen Mücken schützen, die uns hungrig heimsuchten. Als Abendessen hatte Gulja Schaschlik vorbereitet, dass wir zusammen mit einem chinesischen Uiguren und den Angestellten des Sanatoriums teilten. Außerdem tranken wir Wodka, Wein und Tee. Irgendwann fingen der Uigure und Gulja an zu tanzen (zu Musik aus dem Kassettenrekorders des Mercedes des Uiguren, der neben dem Tisch stand). Wir wurden auch aufgefordert mitzutanzen, was einige auch taten. Allerdings räumten wir kurz darauf schnell alles wieder weg, packten unser Zeug zusammen und gingen irgendwann schlafen.

27.08.

Gegen 7 Uhr standen wir auf, nutzten teilweise noch die letzte Gelegenheit aus, schwimmen gehen zu können, packten unser Zeug zu Ende und aßen (trotz aller Eile) recht gemütlich Frühstück in der langsam steigenden Sonne. Unser Bus sollte um 9 Uhr kommen, dann hiess es, er kommt um 10 Uhr. Irgendwann, so gegen 10:30 Uhr gingen wir auf die Strasse, um Autos anzuhalten, die uns mitnehmen sollten. Da aber auf dieser Strasse fast keine Autos fuhren, war das ein schwieriges Unterfangen. Letztendlich, nachdem ein Autofahrer angehalten hatte und zuviel Geld verlangt hatte, kam ein LKW vorbei, der eigentlich in Richtung China (noch ca. 60 km nach Osten) fuhr, uns dann aber auf der Ladefläche mitnahm (wo sonst eher Schafe sind). Wir lagen oder saßen dann auf rostigen alten Bettgestellen, zwischen denen etwas Schafsmist lag und fuhren an der frischen Luft nach ‡unûa. Auch dort ging nicht alles problemlos vonstatten: Einige der Busse der Linie nach Almaty waren defekt, deshalb bekamen wir keinen Platz mehr. Die privaten Taxis fuhren nicht bis Almaty (sie wären wohl auf dem Weg zusammengebrochen), also warteten wir wieder eine Weile, bis der Stellvertreter des Bürgermeisters ankam, um uns mitzuteilen, dass wir zum Essen eingeladen sind, was leider nicht unser Anliegen war. Daher arrangierte er kurzfristig einen Bus, mit dem wir innerhalb von 4 Stunden in Almaty auf dem Busbahnhof ankamen (der Fahrer fuhr wie ein Henker, mehr als einmal rechnete ich fest damit, dass der Bus in der nächsten Kurve umkippen würde). Es blieb uns noch ein wenig Zeit, um Geld umzutauschen, Essen zu kaufen und uns von Gulja zu verabschieden. Dann fuhren wir um 19 Uhr in einem vollbesetzten alten deutschen Reisebus los in Richtung Semipalatinsk: 22 Stunden Busfahrt lagen vor uns, die aber ziemlich schnell vergingen, da wir im Bus schlafen konnten (mehr oder minder gut). Auf dem Weg hielten wir ungefähr alle 2 Stunden. Unterwegs, wir fuhren nur auf Landstrassen (vermutlich wegen fehlender Autobahnen), kamen wir durch viele kleine Dörfer, die sehr heruntergekommen aussahen: an der Strasse weideten meistens ein paar magere Rinder, die Steinhäuser waren größtenteils zusammengefallen und die Holzbaracken mehr schlecht als recht mit einem riesigen Haufen Stroh bedeckt. Eine lange Zeit fuhren wir parallel zur Eisenbahnstrecke, sahen auch vereinzelt Güterzüge, hin und wieder einen Hirten mit einer Herde Ziegen, Schafen oder Rindern und selbstverständlich auch immer wieder bei den Dörfern oder mitten in der Steppe einen moslemischen Friedhof (erkennbar an den kleinen `Häusern`, die für die Toten gebaut werden). Insgesamt veränderte sich die Landschaft, wurde grüner. Heiß war es aber trotzdem bis in die frühen Morgenstunden.

28.08.

Das Wetter ist zum ersten Mal wie in Deutschland: graue Wolken über der Steppe, soweit der Blick reicht. Bis zur Ankunft in Semipalatinsk wechseln wir immer wieder zwischen schlafen und wach sein, reden, aus dem Fenster gucken, lesen und schlafen. Zwischendurch trinken wir bei einem längeren Zwischenstopp und Ajaguz eine Tasse Tee.

Je näher wir Semipalatinsk kommen, desto mehr klart es auf und desto schlechter wird die Strasse. Jetzt ist nur noch eine der zwei Fahrbahnen benutzbar. Wir überholen immer mehr LKWs. Vor der Stadt werden wir von der Polizei angehalten und der Busfahrer zahlt das verlangte Schmiergeld (wenn wir als Deutsche erkannt worden wären, wäre es wohl teurer geworden). Der Zwischenfall dauert 10 Minuten, keine lange Wartezeit für Kasachstan... Auf dem Weg zum Busbahnhof fahren wir ein gutes Stück durch die Stadt, über die große Brücke über den Fluss, vorbei an abgewrackten Industrieanlagen und verlassenen und verfallenden Plattenbauten. Aber es gibt auch Hoffnungsschimmer hier und da: neu gemauerte Häuser und reparierte Grundstücksmauern. Semipalatinsk ist zwar kein Almaty, aber es gibt wenigstens den Hauch von Hoffnung (und den Wind mit frischer Luft). Die meisten Industriebetriebe wurden kurz nach der Privatisierung geschlossen, es gibt nur noch wenige Leute mit einer festen Anstellung (ca. 80 % Arbeitslosigkeit, laut Ludmilla), es gibt weniger Studenten in der ehemals für die Universität und Dostojewski bekannte Stadt, die schon relativ alt ist. Aber sowohl die alten Holzhäuser, als auch die neueren sozialistischen Betonklötze sind am verfallen. So um die 400.000 Einwohner hat diese Stadt, die mittlerweile weniger für ihre Universität als für ihre Nähe zum Polygon bekannt geworden ist, obwohl der Strahlungswert hier normal ist.

Am Busbahnhof, wo auch viele Soldaten herumlungern (und sich teilweise Schmiergelder von den Busfahrern abholen), werden wir von einer Frau (=>Ludmilla) einer Organisation (Name???), die den Opfern der Atomtests hilft, abgeholt und fahren zum Büro dieser Organisation, wo wir übernachten werden. Es ist eine sehr komfortable, im westlichen Stil eingerichtete Wohnung. Zuerst aßen wir dort Borschtsch und machten uns dann auf den Weg, um uns Semipalatinsk genauer anzusehen (was man am besten nur am Tag macht). Bei näherer Betrachtung merkt man und kann sich vorstellen, dass dies eine sehr schöne Stadt war und wieder sein könnte, aber da die Leute entweder arbeitslos sind oder versuchen, so schnell wie möglich in ihre Heimatländer zu gelangen (=>Russen nach Rußland, deutschstämmige nach Deutschland), wird das noch eine lange Zeit dauern, obwohl die `Freilichtausstellung` diverser Leninstatuen (es sind auch einige Büsten und eine Marxstatue mit dabei) schon ein sehenswerter Anfang ist (Recycling des sozialistischen Erbes).

Am Abend hatten wir noch die Gelegenheit, ins Internet zu gehen, was einige auch taten. Jetzt sind die ersten schon im Bett und alle anderen werden wohl schnell nachfolgen.

29.08.

Es wäre ein Wunder, wenn alles nach Plan laufen würde: kurz nach dem total übereilten Frühstück direkt nach dem Aufstehen um 7 Uhr bekommen wir von Inna mitgeteilt, dass wir erst am nächsten Tag nach Kurtschatow fahren können. Der schnell getroffene Beschluss lautet, dass wir den Tag in Semipalatinsk verbringen und uns die Einkaufszentren und zwei der vier Museen ansehen werden. Also machten wir uns gegen 9 Uhr zu Fuß auf den Weg und gingen zuerst in das Abai-Museum, dass Abai, einem Dichter und Schriftsteller, dem Dichter und Schriftsteller Kasachstans gewidmet ist (1845 - 1904). Er übersetzte unter anderem Bücher (er sprach russisch, kasachisch, griechisch, arabisch und lateinisch) und wurde sowohl von dem europäisch-russischen, als auch vom asiatischen und dem arabischen Stil geprägt und beeinflusst. Insgesamt war es ganz interessant, wenn auch nicht hochinteressant. Direkt im Anschluss machten wir uns, unterbrochen nur von einem Abstecher zur Post, auf den Weg ins Stadtzentrum (naja, da die Stadt nicht so groß ist, waren wir eigentlich die ganze Zeit im Zentrum), wo zwei große Kaufhäuser stehen. Wir gingen in Kleingruppen los und sahen uns alles genauer an. Dann gingen wir essen in einem usbekischen Restaurant (es gab das übliche Angebot: Lagmahn, Plow, Suppe, Brot, Tee, aber außerdem hatten sie noch Hacksteak mit Ei und gefüllte Paprikas). Da es im Park ein Riesenrad gibt, kam der Vorschlag, wir könnten dorthin gehen und uns die Stadt von oben ansehen. Das taten auch die meisten von uns, während die anderen noch einkauften, obwohl die Konstruktion des Riesenrades nicht allzu vertrauenserweckend aussah (rostig, der Antrieb war etwas komisch und lärmend, die Schweißnähte sahen brüchig aus...). Kurze Zeit darauf (eine Karussellfahrt später) trafen wir uns beim (natur-)historischen Museum von Semipalatinsk, wo wir, begleitet von einer Führerin, einen Streifzug durch die Geschichte unternahmen. Es war alles ganz interessant (Semipalatinsk: direkt übersetzt „Sieben Zelte“; kommt von einer alten buddhistischen Siedlung, die aus sieben Häusern, Hütten oder Zelten bestand; wurde als Fort 1718 [?] auf Befehl von Peter d. Großen gegründet, jetziger Stadtkern wurde 1776 gebaut, da vorherige Konstruktionen regelmäßig überflutet wurden), vor allem aber die Abteilung, die von den Atomtests handelt. Es werden zwar keine Fachinformationen vermittelt, aber man bekommt einen gewissen Eindruck...

Leider mussten wir ziemlich schnell wieder gehen, da eine Gruppe von Leuten mit uns sprechen wollte. Es handelte sich um vier Professoren, die sich mit dem Umweltschutz auseinandersetzen. Da Inna das ganze Gespräche auf Band aufgenommen hat, spare ich mir hier Einzelheiten, nur eins ist wichtig: wir waren wieder ungenügend vorbereitet, da wir wieder nicht wußten, von was für einer Organisation diese Leute wirklich kommen.

Danach versuchten wir, die nächsten Tage zu planen. Dabei kam heraus, dass aus unserem Besuch in Kurtschatow (übrigens benannt nach einem der Väter der sowjetischen Atombombe, die Stadt war, bis 1996 die sowjetische/russische Armee abzog, vollkommen gesperrt und auf keiner Landkarte verzeichnet; es hiess unter anderem mal `Semipalatinsk 21`) nichts werden würde, weil Erstens niemand von einer Organisation da ist, um mit uns etwas zu machen, weil Zweitens der kasachische KGB uns dort nicht haben möchte (=>wir könnten sofort am Busbahnhof zurückgeschickt werden) und Drittens, weil sich aus Zweitens eine größere Summe zu zahlendes Schmiergeld ergeben könnte (falls wir in Kurtschatow von Polizisten kontrolliert werden würden). Wir planten also den Tagesablauf, bereiteten das Essen vor, aßen und gingen relativ schnell ins Bett (auch, da wir ohne Ausnahme, glaube ich, von Erkältung und Durchfall geschwächt sind).

30.08.

Wir standen so gegen 7:30 Uhr auf und machten uns fertig wie immer, nur dass wir dieses Mal mehr Zeit für das Frühstück hatten als sonst, da Inna und Gerhild noch drei Freundinnen von Gerhild abholten, die mit uns Semipalatinsk unsicher machen wollten. Schließlich gingen wir los und trafen uns in der Medizinischen Hochschule der Stadt mit einem Professor, der von Anfang an bei Nevada-Semipalatinsk arbeitet, Professor Marat Urazalin. Er war uns allen sehr sympathisch (lockige, längere Haare, grau, Vollbart, Brille, Bauch, etwas lockerer angezogen als andere Leute, lacht viel und oft) und erzählte uns jede Menge von der Geschichte des Polygons und der Organisation Nevada-Semipalatinsk (Nevada-Semej). Außerdem teilte er sein Wissen über die Folgen der Tests mit uns, bot uns an, an einen See im Polygon zu fahren, der bei einem missglückten Versuch (1963?) entstanden ist und beantwortete uns bereitwillig jede Frage. Zusätzlich sagte er uns zu, dass wir uns die Anatomieabteilung der Uni (wo einige mißgebildete Babys von verstrahlten Müttern ausgestellt werden, da in der Abteilung ein Teil vom Polygon handelt) ansehen könnten und dass er versuchen würde, uns weitere Gesprächspartner (Studenten, Waisenhaus, ein anderer Professor) für den nächsten Tag zu beschaffen. Nach einer kurzen Diskussion, ob und wenn ja, wer auf das Polygon zu dem See fährt (alle entschieden sich letztendlich dagegen, obwohl Prof. Urazalin mehrfach betonte, es sei sehenswert und ungefährlich), gingen wir etwas essen, trennten uns dann und einige von uns gingen auf den Basar, um Kinderkleidung zu kaufen, da der Professor uns gesagt hatte, dass das Waisenhaus alles in dieser Richtung gebrauchen könnte und zu oft Gruppen kämen, die nichts mitbrächten. Also liefen wir eine Weile zum und über den Basar. Auf dem Weg erlebten wir am eigenen Leib mit, warum Semipalatinsk auch den Spitznamen „Satans Sandkasten“ hat, da uns der Sand der Strassen immer wieder entgegengeweht wurde. Erst kauften wir jede Menge Klamotten auf dem Basar und dann kauften wir noch etwas in den größeren Kaufhäusern (das Geld kam von einem Benefizkonzert). Als wir zurück zum Büro kamen, erwartete uns eine böse Überraschung, die aber zu erwarten gewesen war: eine der höheren Frauen unserer Gastorganisation mochte den Schweinestall im Büro nicht so gerne, so dass wir packten und in ein Hotel umziehen mussten, was wir selbstverständlich auch sofort taten (obwohl die Stimmung untereinander schon etwas gereizter war). Im Hotel bekamen wir Zweibettzimmer, bezogen sie und fünf von uns trafen sich gegen 21:30 Uhr, um noch etwas zu unternehmen. Als erstes gingen wir in ein feines Restaurant und aßen dort ziemlich gut (auch wenn es einiges teurer war als sonst, das Angebot der Karte war allerdings auch weit mehr westlich, als in den Restaurants, in denen wir sonst so aßen). Danach gingen wir noch in eine ziemlich edle (da teure) Disko und blieben dort bis kurz nach 2 Uhr. Die Musik war nicht so besonders toll (Techno, derselbe Beat immer und immer wieder, trotz verschiedener Stücke, zwischendurch zwei langsame Stücke, alles viel zu laut). Auf dem Weg nach draußen fiel uns eine größere Blutlache im Eingangsbereich auf und eine Meute von Jugendlichen und Polizisten draußen. Wir kamen aber ohne Probleme an ihnen vorbei, liefen nach Hause ins Hotel und gingen gegen 3 Uhr schlafen.

31.08.

Heute trafen wir uns gegen 9:20 Uhr in der Eingangshalle des Hotels und hetzten zu Professor Urazalin, den wir um 9:30 Uhr trafen und der uns zur Anatomieabteilung führte. Neben normalen Exponaten gibt es dort eine ´Abteilung` (zwei Vitrinen) mit mißgebildeten Kindern aus der Umgebung von Semipalatinsk (einäugige Babys, Babys ohne Hals, ohne Schulterknochen, ohne Beckenknochen, mit Wasserkopf, mit zusammengewachsenen Beinen). Nach einer Weile fuhren wir per Taxi zum Institut für Radiologie und trafen dort mit einem anderen Professor zusammen, der seit 1961 beim Polygon als Neurologe gearbeitet hat und unter anderem auch die Aufklärungskampagne der 90er mit fundierten Daten unterstützt hat. Er war allerdings schon ziemlich desillusioniert, was das Maß der Hilfe angeht, was geleistet werden kann („Ihr seid so ungefähr die 1000. Gruppe, die hier vorbeikommt...“), hatte aber trotzdem einige wichtige Informationen und Zahlen für uns. Nachdem unsere Zeit bei ihm vorbei war, kauften wir noch Verbandszeug, Vitaminpillen und Einwegspritzen für das Waisenhaus und gingen dorthin. Wir wurden durch verschiedene Abteilungen geführt und es wurde uns einiges über das Heim erzählt (96 Kinder von 0-4 Jahren, in Ausnahmefällen bis 7 Jahre, eigentlich konzeptioniert für 80 Kinder, ca. 80 Mitarbeiter, Behindertenabteilung, einige dieser Kinder kommen später in ein anderes Heim für Schwerstbehinderte, Adoptionen gibt es häufiger). Wir übergaben unsere Geschenke und gingen in der kurzen Zeit, die uns blieb, essen. Dann mussten wir wieder schnellstens zur Medizinischen Hochschule zurück, um uns mit den Studenten zu treffen, die Prof. Urazalin aufgetrieben hatte. Wir hatten 30 Minuten, um uns mit ihnen zu unterhalten (Medizinstudenten, größtenteils vor dem 1. Semester). Gerade als es interessant wurde, mussten wir zum nächsten Termin, denn wir trafen den zweiten Vorsitzenden des lokalen Ökologieinstituts (?). Er erzählte uns eine Stunde lang etwas über die Aufgaben etc. des Instituts, aber ich konnte seinen Ausführungen beim besten Willen nicht folgen, da ich so müde war und versuchte, nicht einzuschlafen (den anderen erging es ähnlich, glaube ich). Danach gingen wir zum Studentenwohnheim, wo wir uns eigentlich noch einmal mit ein paar Studenten treffen wollten, um noch mehr ins Gespräch zu kommen. Da keine da waren, gingen wir noch etwas essen und dann zum Dombra - Konzert zweier kasachischer Musiker. Die Musiker spielten und sangen sehr schön, aber leider gab es zwischendurch immer wieder kabarettistische Einlagen, die auf kasachisch und deshalb (vom Sinn her) für uns nicht lustig waren (ohne den „Großen Diktator“ hätte es nur halb so viel Spaß gemacht!!!!). Nach zwei Stunden, als die Musiker größtenteils nur noch mit eingespielter Hintergrundmusik spielten, gingen wir zurück zum Hotel. Dort setzten sich die meisten noch ins Café und gingen so um Mitternacht ins Bett.

01./ 02.09.

Heute standen wir gegen 6:30 Uhr oder früher auf und wollten um 7:30 Uhr abmarschbereit sein - es klappte mal wieder nicht (am Tag vorher wollten wir uns um 9 Uhr getroffen haben). Als alle da waren, fuhren wir mit dem Taxi zum Bahnhof und warteten auf unseren Zug, der bald darauf eintraf. Gezogen von zwei (oder einer?) riesigen Dieselloks fuhr der lange Zug ein, der in Semipalatinsk noch mal um einige Wagen verlängert wurde. Die Wagen, die noch höher sind als die bei uns, waren aus der Produktion der VEB (=>DDR-Betrieb) aus den 80ern. Wir bezogen unsere zwei Abteile, die jeweils vier Pritschen und einen kleinen Tisch enthielten. Lange standen wir noch am Fenster, sahen uns das langsam entschwindende Semipalatinsk an und verknipsten viele Bilder. Die Fahrt über aßen wir, redeten und lasen, schliefen hin und wieder (ich verschlief einen Defekt an der Lok und den darauffolgenden Lokwechsel, der uns ca. 1 Stunde Verspätung einbrachte). Die Gegend draußen blieb die meiste Zeit über gleich: Steppe, soweit das Auge reicht, erkennbar auch die Versalzung des Bodens an vielen Stellen, die generell ein großes Problem der Landwirtschaft in Kasachstan ist, immer mal wieder ein kleines Dorf oder auch nur eine ärmliche Hütte an einer der vielen Ausweichstellen. Die Fahrt, obwohl sie ziemlich langsam war (=>kein Wunder, bei 18-20 Waggons), war ziemlich laut, da die Schienen nicht wie bei uns geschweißt waren, sondern miteinander verschraubt sind, was natürlich größere Lücken zwischen zwei Schienen ergibt. Wir sahen uns noch einmal den herrlichen Sonnenuntergang an, der dieses Mal noch schneller vonstattenging. Der vorletzte Teil der Reise hatte begonnen!

Relativ zeitig gingen wir alle schlafen (nach einer allgemeinen Aussprache, Geldumverteilung und Essen), aber wirklich gut schlief niemand diese Nacht, da es einerseits laut und unruhig war und andererseits ziemlich kalt wurde, da der Himmel mal wieder sternklar war. Gegen 7 Uhr standen wir alle wieder auf und begaben uns größtenteils auf den Gang, um den Sonnenaufgang und die Vororte von Almaty zu sehen. Die schneebedeckten Gipfel der Berge im Süden und Südosten leuchteten in einem herrlichen rot aus dem Dunst, angestrahlt von der für uns noch nicht sichtbaren Sonne. Wir hatten noch eine Weile Zeit, bis wir in Almaty 1 ankamen, dort hatten wir einen längeren Aufenthalt und fuhren weiter nach Almaty 2, wo wir den Zug verließen. Als erstes brachten wir das Gepäck zur Aufbewahrungsstelle und dann gingen wir in die Stadt selbst, um zu frühstücken und Tee zu trinken. Die meisten Geschäfte machten gerade erst auf und da auch die Teestuben und Cafés noch geschlossen waren, gingen wir zum `Mac Burger`, einem kasachischen Äquivalent zu McD. Dort aßen wir ein Burgerfrühstück (nach westlichen Preisen), genossen die sanitären Einrichtungen (auch nach westlichem Standard, mit Papier, Seife und funktionstüchtiger Spülung-Luxus) und dann gingen wir einkaufen. Direkt im Stadtzentrum, wo wir uns befanden, gibt es einen Outdoor-Trekking-Laden und ein ZUM (zentrales universales Einkaufszentrum). Wir trennten uns, bummelten durch die Läden und setzten uns letztendlich in ein Strassencafé und tranken Tee, da wir von der Reise noch ziemlich fertig waren. Wir trafen uns zum verabredeten Zeitpunkt und trennten uns wieder, da einige noch Zeit zum Einkaufen brauchten. In dieser Zeit gingen wir über den Basar und setzten uns im Gedenkpark auf eine schattige Bank und genossen das Wetter (es war mal wieder ein wolkenloser Himmel) und die Umgebung. Zurück mit der Gruppe aßen wir erstmal etwas und irrten dann zu drei Geschäften auf der Suche nach Landkarten (topographisch) von Kasachstan. Alle Geschäft und auch die Banja, in die zwei von uns noch wollten, waren geschlossen und so gingen wir direkt zum Internet-Café. Dort setzten wir uns hin, einige versandten e-mails, und tranken Tee, Bier und Saft und aßen. Nach einer längeren Zeit (mehrere Stunden) machten wir uns zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof. Almaty sieht bei Nacht ganz anders aus, als am Tag, fiel uns auf, aber trotzdem war es kein Problem zum Bahnhof zu finden. Dort wartete schon unser Taxi auf uns, wir holten das Gepäck und fuhren zum Flughafen, wo wir jetzt schon seit 1½ Stunden in der Wartehalle sitzen. In dieser Zeit ist schon eine unserer Wodkaflaschen und eine unserer Bierflaschen durch Eigeneinwirkung im Zusammenspiel mit dem Marmorfußboden kaputtgegangen und mittlerweile riecht es kräftig nach Alkohol.

In ca. 2 ½ Stunden werden wir einchecken können und um 4:15 Uhr geht planmäßig unser Flugzeug. Um 6:30 Uhr Ortszeit werden wir wohl in St. Petersburg ankommen, dann fliegen wir um 9:30 Uhr weiter und kommen so gegen 9:30 Uhr Ortszeit in Hannover an, wo sich unsere Wege trennen werden (Inna und Olga lassen wir schon in Almaty zurück).

Gute Reise (Wunsch und Aussage!)

04.09.: Nachtrag

Leider lässt sich so vieles nicht vorplanen in Kasachstan, nicht einmal ein Rückflug. Zwischen den Kontrollen wurde ich erst kurz in einen kleinen Raum geführt, wo ich meine Gepäck aufmachen sollte (Waffe, Drogen, Antiquitäten,...; der Grund meines Aufenthaltes in Kasachstan), aber doch so davon kam. Viel schlimmer traf es Lisa: ihr Flugticket war auf den 09.09. ausgestellt und von einem wohl betrunkenen Pulkovo-Menschen für ungültig erklärt worden. Es gab gut eine halbe Stunde lang Scherereien, bis er nach einem sogenannten `Strafgeld` von 120 DM ein Ticket nach St. Petersburg (!) für Lisa ausstellte. Dann, als es in Richtung Flugzeug ging, stand dort ein Pulk von wohl so 100-200 Leuten (KLM- und Pulkovo-Flug gingen durch dieselbe kleine Tür), die alle nach draußen strebten. Nach einer Weile kamen wir doch noch ins Flugzeug, das halbwegs pünktlich (mit einer Stunde Verspätung) startete. Wir saßen alle einzeln, aber ich glaube, alle von uns schliefen die meiste Zeit...

In St. Petersburg suchten wir so schnell wie möglich offizielle Personen, damit Lisa auch nach Hannover noch ein Ticket bekommen konnte. Glücklicherweise half uns jemand (auch, als es darum ging, unser Gepäck zu identifizieren...auf dem Staatsgebiet Rußlands-ohne Einreisevisum!) und Lisa bekam auch eine Bordkarte, allerdings behielt die Frau die Quittung über das `Strafgeld`!

Nun, nach einem weiteren Flug landeten wir in Hannover, das sich uns von seiner besten Seite zeigte: grauer Himmel und starker Regen. Wir trafen die deutschen Behörden (die nicht darauf aus waren, uns abzuzocken), holten unser Gepäck und waren in Hannover. Mit der S-Bahn fuhren wir zum Bahnhof (wir durften im Zug noch Fahrkarten kaufen...sonst wäre es, wieder einmal, teuer geworden), wo Kristin sich verabschiedete. Wir anderen gingen in ein Café, blieben dort eine Weile und tranken (endlich mal wieder) Milchkaffee. Leider musste ich auch ziemlich schnell los, aber ich denke, nach Hause hat es jeder geschafft!!!