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Sibirienfahrt 2004

Von JANUN und BUND - Jugend

Vorgeschichte

Eine Gruppe von fünf Ehrenamtlichen der BUND - Jugend aus Berlin hat im August 2004 mit Unterstützung der Stiftung West Östliche Begegnungen eine Fahrt nach Sibirien unternommen. Das Ziel der Fahrt war es, indigene Völker und Kulturen Sibiriens kennen zu lernen, Kontakte zu Jugendorganisationen zu knüpfen, um Bedingungen für einen längerfristigen Jugendaustausch zwischen Deutschland und Sibirien zu schaffen.

Es folgt ein kurzer Bericht über die Ergebnisse der Reise.

Vom 10. bis 26. August 2004 hat die erste Jugendumwelt-Sibirienfahrt zu den indigenen Völkern Sibiriens stattgefunden. Hier ein kurzer Reisebericht:

Erste Station Moskau

Am 10 August starteten wir (Maxim, Jenny, Carola, Thomas und Andrej) um 6 Uhr in der Früh vom Flughafen Berlin Tegel in Richtung Moskau. In Moskau angekommen, fuhren wir erst einmal zum Kazansky Bahnhof, um mit Mühe und Not Zugtickets für die Weiterfahrt nach Sibirien zu bekommen, die wir von Deutschland aus nicht buchen konnten. Nachdem wir dieses geschafft hatten, fuhren wir zu Maxims Oma, bei der wir die nächsten 3 Nächte verbringen sollten. Maxims Oma wohnt im absoluten Zentrum von Moskau und ist ziemlich cool drauf, was unseren Aufenthalt in Moskau sehr angenehm beeinflusste.

Neben Stadtbummel und Besichtigungen hatten wir in Moskau ein eintägiges Treffen mit Mitarbeitern der Assoziation der indigenen Völker Nordrusslands. Dieser Tag dienete uns dazu die Assoziation näher kennen zu lernen, mehr über die Lebenssituation der indig. Völker in Sibirien zu erfahren und unsererseits zu berichten, was wir in Deutschland machen, wie unsere Organisation funktioniert und was für eine Kooperation wir uns vorstellen können.

Die Assoziation ist eine Art Dachverband von vielen Organisationen und Initiativen, die sich überall in Nordrussland mit den Belangen und Problemen der kleinen indigenen Völker befassen. Ein Schwerpunkt dabei ist die Förderung der Jugendarbeit und hier insbesondere die Ausbildung von MultiplikatorInnen, die dann vor Ort Jugendprogramme organisieren und Jugendliche motivieren sollen, sich zu engagieren, sich für ihre eigene Kultur zu interessieren, ihr Lebensumfeld mit zu gestalten etc.

Das geplante Treffen mit einer Umweltorganisation hat nicht stattgefunden. August ist kein günstiger Monat für derartige Treffen in Moskau. Fast alle sind weg aus Moskau, auf der Datscha oder sonst wo, so zumindest unser Eindruck. Letztendlich waren wir aber auch ganz froh das wir keinen Termin haben arangieren können, da wir uns im Vorhinein über die ökologischen Probleme Sibiriens ausführlich informiert hatten und es in Moskau einfach so viel zu sehen gab, das die Zeit wie im Flug verging.

Über die Assoziation wurde uns auch der Kontakt zur Partnerorganisation in Sibirien vermittelt.

Nach Sibirien

Am Freitag, dem 13. (!) August, stiegen wir abends in den Zug, der uns nach Surgut, eine der größten Ölmetropolen Sibiriens bringen sollte. In diesem Zug verbrachten wir die nächsten 56 Stunden, die wir uns mit Lesen, Kartenspielen, Essen, Aus-dem-Fenster-Gucken und Mit-den-Mitreisenden-Quatschen vertrieben haben. Am 16. August stiegen wir um 2 Uhr morgens in Surgut aus und hingen dort bis um 6 Uhr morgens am Bahnhof ab, bis der erste Bus zum Flughafen fuhr. So gegen 9 Uhr startete dann unser Flugzeug - eine ziemlich beeindruckende alte Propellermaschine des Typs AN-24, die allerdings sehr gut gepflegt war - nach Belojarskij. Auch der Flughafen von Surgut machte einen sehr modernen und sicheren Eindruck, sodass wir keine große Angst um unser Leben zu haben brauchten, entgegen der weit verbreiteten Meinung über Inlandflüge in Russland. Die zweieinhalb Stunden Flug über Sibirien waren sehr laut und sehr eindrucksvoll.

In Belojarskij, einer kleinen (Öl)Industriestadt mit 20 tausend Einwohnern, wurden wir dann von unseren Gastgebern abgeholt. Sie brachten uns mit einem Kleinbus zu unserem Bestimmungsort, der kleinen Siedlung Kazym. Kazym hat 3 tausend Einwohner und liegt am Fluss Angnja, der seinerseits im Kazym-Fluss mündet.

Vor Ort

Unsere Partnerorganisation vor Ort, die uns von der Assotiation der indigenen Völker vermittelt wurde, ist die gemeinnützige Stiftung "Zukunft der Erde" (russ. "Buduschtscheje semli"). Unsere Ansprechpartnerin bei der Partnerorganisation ist Olga Krawtschenko, sie kümmerte sich um unsere Unterbringung und um den weiteren Verlauf unseres Aufenthaltes.

Olga Krawtschenko ist eine erfahrene Pädagogin, hat lange Zeit an Schulen unterrichtet, bevor sie 1992 eine Schule speziell für Kinder der indigenen Völker gründete. An dieser Schule wurden vor allem junge Vertreter der Völker Chanty, Mansy und Njenzy ausgebildet. Der Unterricht erfolgte in den jeweiligen Sprachen dieser Völker und zielte darauf ab, die Kinder ihren kulturellen Wurzeln näher zu bringen, gegen den Verlust des nationalen Bewusstseins und die Assimilierung vorzugehen. Die Schule wurde trotz erster Erfolge fünf Jahre später geschlossen, da sie nicht den allgemeinen russischen Bildungsstandards entsprach. Seit der Schließung der Schule engagiert sich Olga Krawtschenko bei der Stiftung "Zukunft der Erde" und organisiert gemeinsam mit anderen Pädagogen vor allem im Sommer zahlreiche Jugendseminare und Sommercamps, in denen die Probleme der indigenen Völker behandelt werden und Jugendliche die Möglichkeit haben, die traditionelle Kultur und Sprache ihrer Völker kennen zu lernen.

Bereits seit vier Jahren findet bei Kazym Ende des Sommers das "Parlament der Weltvölker" statt. Das war letztendlich das Jugendcamp, von dem Olga mir am Telefon erzählt hatte.Das ist ein Bildungsseminar für Jugendliche, das von einer Gruppe von Pädagogen des Moskauer Instituts "Pajdeja" in Zusammenarbeit mit einheimischen Pädagogen geleitet wird. Organisiert wird das "Parlament" durch die Stiftung "Zukunft der Erde" mit Unterstützung des Komitees für Angelegenheiten der indigenen Völker der Region Khanty-Mansiysk. Etwa 80 Jugendliche aus der ganzen Region nehmen daran teil.

Im Laufe des Seminars werden Projekte zur Förderung der indigenen Völker ausgearbeitet. Den Jugendlichen soll eine Zukunftsperspektive geboten werden, was angesichts der vielen Probleme der indigenen Völker sehr wichtig ist. Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Entwurzelung und Assimilierung, Verlust der traditionellen Wirtschaftszweige, soziale Orientierungslosigkeit in der von der russischen Öllobby dominierten Region und andere Probleme bildeten die Schwerpunkte des letzten "Parlaments", an dem wir vom 19. bis zum 22. August teilgenommen haben.

Uns ging es dabei vor allem darum, die Jugendlichen vor Ort und die Organisation kennen zu lernen, um thematische Schwerpunkte für einen möglichen Austausch mit Deutschland zu setzen. Wir haben festgestellt, dass in Deutschland, obwohl das Thema "Sibirien" in letzter Zeit populär ist, so gut wie gar nichts über die Probleme der sibirischen Ureinwohner bekannt ist. Es wäre wichtig, zu versuchen, in Deutschland und in Westeuropa eine Öffentlichkeit dafür zu schaffen. Darüber hinaus soll es bei dem für den Sommer 2005 geplanten Gegenbesuch vor allem um Methoden der Jugend- und Projekarbeit gehen.

Das Kennenlernen der Jugendlichen erfolgte vor allem abends nach dem Seminarprogramm, am Lagerfeuer und mit Gitarre. Durch die Teilnahme an den Workshops haben wir viel über die Kultur und Probleme der indigenen Völker gelernt. Selber haben wir im Rahmen eines eigenen Workshops Deutschland, unsere Organisation wie unsere Kooeprationsideen präsentiert. Das Interesse der Jugendlichen war groß, dennoch waren die TeilnehmerInnen recht zurückhaltend und haben recht wenig nachgefragt.

Nach unserer Teilnahme am "Parlament der Weltvölker" haben wir festgestellt, dass wir es mit einer Gruppe von hoch motivierten, engagierten Pädagogen und Jugendlichen zu tun haben. Wir sind zuversichtlich, dass eine weitere Zusammenarbeit mit der Stiftung "Zukunft der Erde" und Olga Krawtschenko sich als interessant und fruchtbar erweisen wird.

Zu Gast bei den Ureinwohnern

Die 3 Tage vor dem Parlament wohnten wir im Haus der Familie Subbota, die uns sehr lieb bewirtete. In den 3 Tagen waren wir mit einigen Leuten aus Kazym, die sich auch in der Jugendarbeit engagieren, in der Gegend unterwegs. Die meiste Zeit ging es per Boot die Flüsse der Region entlang. Wir haben mit dem Netz gefischt, am Lagerfeuer gekocht, eine Rentierfarm besichtigt und einige sehr interessante Persönlichkeiten kennen gelernt. Dabei sind wir ein paar Mal in den Regen gekommen, sind halb erfroren und von Mücken tot gestochen worden, sind einige Male mit dem Boot auf Grund gelaufen und mussten im Wasser stehend das Boot schieben (wir hatten Gummistiefel an, die bis zur Hüfte reichten). Der Fischer Jakow, der uns begleitete, hatte uns unterwegs vieles über die Lebensart, die Geschichte und die Bräuche seines Volkes, der Chanty, erzählt. Das waren sehr eindrucksvolle und faszinierende Tage in wunderschöner Natur, die von der Ölindustrie noch nicht erreicht wurde.

Am 23. machten wir uns wieder auf den Weg nach Moskau, wieder per Flugzeug und Zug, diesmal allerdings mit einem kleinen Zwischenstopp in Kazan. Völlig erschöpft in Moskau angekommen, hatten wir nur noch wenige Stunden bis zum Flug nach Berlin, wo unsere Reise am 26. August 2004 endete.

Im Nachhinein kann ich nur sagen, dass es eine wahnsinnig schöne Reise war, bei der, trotz aller Abenteuerlichkeit und Spontanität, alles erstaunlich glatt gelaufen ist. Nun sind wir alle gespannt, wie sich die Neue Partnerschaft entwickeln wird.

Andrej Steinke

Sibirische Jugendliche besuchen Hannover

Chanty und Mansi – zwei indigene Gruppen, eine gemeinsame Geschichte: In ihrer Heimat droht den Bewohnern Sibiriens der Verlust ihrer kulturellen Identität. Der russischen Regierung sind sie bei der wirtschaftlichen Erschließung Sibiriens im Weg. Die Öl- und Gasindustrie nimmt ihr Land in Besitz, die Schulaufsicht schloss ihre selbstorganisierte Schule.

Eine sibirische Initiativgruppe veranstaltet Workshops und Sommercamps, bei denen sie mit Sprachunterricht, Tanz, Gesang und Handwerk ihre kulturellen Wurzeln erforschen. Und sie gehen auf Reisen, um Anderen ihre Kultur näher zu bringen und auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

Auf Einladung des Jugendumweltbüros Hannover JANUN e.V. und gefördert von der Stiftung deutsch-russischer Jugendaustausch war im August 2007 bereits zum zweiten Mal eine Gruppe sibirischer Jugendlicher aus der Region Chanty-Mansijsk in Deutschland zu Besuch.

Auf dem Besuchsprogramm in Hannover standen sibirische Kinderferienworkshops im Spielpark Tiefenriede, ein Empfang im Rathaus, ein Interview bei Radio Flora, der Besuch des Seilklettergartens Eilenriede und jede Menge Erfahrungsaustausch mit deutschen Jugendlichen. In Berlin wurde ein öffentlicher Abend im Stadtpark Parkaue mit Musik, Tanz und Erzählungen aus Sibirien veranstaltet. Zum Abschluß des Deutschland-Aufenthaltes reiste die Gruppe nach Bayern, ins Wildniscamp des Nationalparks Bayerischer Wald. Dort wurde als offizielles Projekt der Weltdekade der vereinten Nationen "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ein traditionelles sibirisches Nomadenzelt ("Chum") aufgebaut, das dort permanent stehen wird und als Unterkunft und für internationale Jugendbildungsarbeit zur Verfügung steht.