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Bericht aus Lviv, Ukraine vom 25.11.2004

Hallo Ihr lieben Leute!

Euch geht es mit Sicherheit weiterhin gut, bei mir ist aber auch weiterhin alles klar!

Hier in Lviv ist weiterhin alles komplett friedlich, auch in Kiev ist es wohl so habe ich mir jedenfalls sagen lassen. Sofern die Lage stabil bleibt, werde ich morgen Abend dorthin fahren, das entscheide ich aber spontan morgen Nachmittg, da ich das Ticket schon habe und mich aber nicht direkt in Gefahr bringen moechte allerdings wohl nicht direkt auf die Grossveranstaltungen, sondern mehr als Tourist und Besucher. Agnieszka, meine Mitbewohnerin, fährt schon heute dorthin.
Gestern Abend sind mir allerdings ziemlich die Nerven durchgegangen, da doch vieles an Gerüchten hier herumschwirrt. Um Euch das näher zu erläutern schreibe ich mal einige:

Gerücht ist, dass um Kiev Panzer aufgefahren sein sollen.
Gerücht ist, dass Russen in Lviv Sabotageakte durchgeführt haben.
Gerücht ist, dass ca. 1000 Mann Speznaz (russische Spezialeinheiten) in Kiev mittlerweile stationiert sind.
Gerücht ist, dass ein russisches Militärflugzeug in der Karpatenregion gelandet sein soll.
Gerücht ist, dass in Odessa vorgestern weder Strom noch Telefon funktionierte.
Gerücht ist, dass der 5. Kanal (einziger halbwegs objektiver Fernsehkanal, tendenziell pro Juschtschenko) runtergefahren werden soll.
Gerücht ist, dass alle freien Fernsehkanäle abgeschaltet werden sollen.
Gerücht ist, dass der Mobilfunk in Lviv abgeschaltet wird.
Gerücht ist, dass komplett alle Telefonverbindungen hier in Lviv gekappt werden sollen

FAKT ist, dass hier in Lviv vor einer Woche eine Kolonne von ca. 20 Panzern in einer Kaserne angekommen sind.

Fakt ist, dass die Westgrenze nicht erreichbar ist auf dem Boden, da in den Dörfern vor der Grenze die Menschen Barrikaden errichtet haben.

Fakt ist, dass immer mehr Menschen von hier aus nach Kiev fahren.

Fakt ist, dass der Generalstreik ausgerufen wurde und wohl auch größtenteils eingehalten wird (hier im Westen und in Kiev zumindest).

Fakt ist auch, dass der Rektor meiner Universität, Ivan O. Vakarchuk, ein Papier verfasst hat, in dem er die Hochschullehrer, Studenten und auch seine Kollegen an anderen Unis und Schulen dazu aufruft, die Arbeit niederzulegen und die Menschen auf der Straße zu unterstützen (ich habe vorhin in der Uni auch eine deutsche Übersetzung davon auf Diskette mitbekommen, kann das Dokument hier am Rechner einer deutschen Freundin aber nicht öffnen, werde es Euch aber so bald wie möglich schicken Tenor ist, dass jetzt die Zeit sei, für Demokratie und gegen Totalitarismus auf die Straße zu gehen und dass gerade die Hochschulen und Universitäten da ganz vorne mit dabei sein müssten).

Fakt ist auch, dass die Miliz in Kiev gespalten ist (alles andere wäre auch verwunderlich, da die Menschen ja meinungsmäßig auch gespalten sind) und dass der Milizchef von Lviv  gegen einen Oppositionsunterstützer ausgetauscht wurde, genauso wie der Regionalgouverneur.

Da das alles auf mich einstürzte und ich die Gerüchte nicht überprüfen kann, könnte es passieren, dass ich mich demnächst nicht mehr melden kann und auch telefonisch nicht mehr erreichbar bin. Die Botschaft hat bislang keine verschärften Warnungen rausgegeben und ich habe nicht vor, das Land zu verlassen, bevor es nicht unumgänglich ist das bin ich meinen Freunden hier einfach schuldig! Außerdem: wer würde Euch sonst mit Neuigkeiten versorgen...

Nein, aber macht Euch um mich keine Sorgen, macht Euch eher Sorgen, warum die EU nicht endlich mal jemanden mit Macht schickt, Javier Solana oder sogar den Barroso man kann ja viel protestieren, das interessiert die Mächtigen hier einen Scheißdreck!!! Wirtschaftliche Sanktionen (wenn sich die jetzigen Mächtigen durchsetzen) treiben dieses Land nur noch mehr in die Arme Russlands einen größeren Gefallen kann der Westen Putin nicht machen. Auch die USA sollten einen Abgesandten nach Kiev schicken, aber die EU grenzt an dieses Land, die Menschen brauchen entweder jetzt aktive Unterstützung oder in der EU sollte gleich mit der Tagesordnung weitergemacht werden.

Auch der Kuschelkurs von unserem Bundeskanzler mit dem russischen Präsidenten ist, gelinde gesagt, zum KOTZEN!!! Hat die EU, hat unser Land ein Interesse an einer freien, auf Demokratie ausgerichtete Ukraine oder will sie, wollen wir tatenlos zuschauen, wie die Machtelite die Wahlen frech fälscht und im guten Gewissen der totalen Unterstützung des mächtigen Nachbarn Russland dem Westen die Stirn bietet und das Volk überhört???

Mit einigen der anderen Leuten bin ich mir ziemlich einig, dass die jetzige Situation in vier Richtungen ausarten könnte:

  • Bürgerkrieg
  • blutige Niederschlagung der Protestbewegung würde aber auch zum Bürgerkrieg führen
  • Einmarsch russischer Truppen und Besetzung der industriellen Zentren im Osten und Süden des Landes
  • friedliche Spaltung des Landes in einen russischen Satelliten im Osten (Kharkiv, Donezk, Krim, Odessa, evtl. Grenze nahe Dnepropetrovsk) und einem auf die EU ausgerichteten, mehr oder minder demokratischen Westen.

Letzteres werden aber die Nationalisten hier im Westen nicht akzeptieren, für sie ist die Ukraine ein unteilbares Land.

Und zur Demokratie: vorhin kam auf Kanal 5 eine Statistik, dass 36% der Menschen hier keinen Unterschied zwischen Demokratie und anderen Staatsformen sehen das ist kaum verwunderlich, da nur der Westen eine demokratische Vergangenheit hat. Das ist aber kein Grund, sie ihnen zu verweigern oder sie nicht nach Kräften zu unterstützen.

Gerade habe ich ZDF-Nachrichten gesehen (wie gesagt, ich tippe am Laptop einer deutschen Freundin hier), dort wurde erzählt, dass die Ankündigung Juschtschenkos, nicht mit Janukowitsch zu verhandeln, wenn er nicht die Falschheit des Wahlergebnisses anerkennt, einen Schatten werfen würde über den (in Kiev) sonnigen Tag.

Meine bzw. Unsere Meinung hier dazu ist: Blödsinn! Sollte er anerkennen, dass er die Wahl verloren hat, dann gibts auch nichts zu verhandeln! FAIRE und demokratische Neuwahlen mit einer Regelung, dass außerhalb des eigenen Wohnortes nicht gewählt werden darf (Hatte Juschtschenko von Kutschma gefordert in der Zeit zwischen den Wahlgängen, um Doppeltwählen zu verhinden), das ist eine Lösung, die akzeptabel ist! Dafür sollten sich unsere Politiker und die EU einsetzen welchen Grund hätte ein fairer Gewinner Janukowitsch, eine Neuwahl zu fürchten? Er könnte ja nur bestätigt werden...
Nein, eine Demokratisierung der Ukraine ist ein Zeichen für die ganze Region, eine Stärkung der Demokratiebewegungen in Russland und Weißrussland. Die Menschen hier, die jahrelang gesagt haben, sie könnten ja doch nichts bewegen sind aufgestanden und sie brauchen jede Unterstützung, die sie kriegen können! Deshalb: Hut ab vor den Grünen in Deutschland, die heute orange tragen!

Gerade kam im Fernsehen, dass auch die ukrainische Nationalbank orange geflaggt hat (auf dem Lviver Rathausturm flattert unter der ukrainischen auch die orangene Fahne, hier auf den Strassen sind Volksküchen entstanden, wo heißer Tee und Kekse verteilt werden).

Also, tut, was Ihr könnt, informiert Euch, informiert andere!
Im Südosten des Landes streikt eine Fabrik, die Gewerkschaft der ukrainischen internationalen Fluggesellschaft streikt, die Prokuratura von Kiev streikt, die Akademie der Wissenschaften der Ukraine streikt (sorry, neueste Nachrichten...).

Diese Chance für Demokratie und Freiheit und Selbstbestimmung eines Volkes darf nicht vertan werden!!

Viele liebe Grüße, Euer Daniel PS: Wie üblich: schickt dieses Mail gerne an alle Leute weiter. Ich werde mich weiter melden, sofern es die Möglichkeit gibt (es mag sein, dass auch die Internetcafes streiken, notfalls versuche ich es an der Uni) und wenn es nicht heißer wird, fahre ich in der Nacht zu Samstag nach Kiev.

Aufruf zur Demokratie!

Hallo Ihr lieben Leute,

jetzt bin ich im Internet-Cafe, um mir mal wieder aus der Presse ein Bild der Lage zu machen. Ich werde innerhalb der naechsten 24 STunden anhand der Pressestimmen der deutsch- und englischsprachigen Presse, den Berichten der freien ukrainischen PResse (sofern sie bis dahin nicht abgeschaltet wurde) und anhand der Berichte meiner Freunde in Kiev entscheiden, ob ich fahre oder nicht.

Jetzt habe ich auch den Text von dem Rektor meiner hiesigen Universitaet, der Ivan Franko Nationaluniversitaet Lviv, oeffnen koennen und schicke ihn Euch hiermit. Ich schicke ihn Euch auch auf englisch mit der Bitte, solche Text auch international so weit wie moeglich zu verbreiten! JETZT ist der Zeitpunkt aufzustehen fuer eine freie und demokratische Ukraine, fuer faire Neuwahlen und Gewaltfreiheit! Alles andere waere Hohn im Angesicht der deutschen und der europaeischen Verfassung! Es gibt KEIN ruhiges Hinterland, wenn es um Demokratie geht--und im Gegensatz zum Irak fordern hier hunderttausende lautstark faire, freie Wahlen und eine demokratische Ordnung. Ihnen gilt es zu helfen!

Vielen Dank!
Danylo


Aufruf der Lwiwer Akademischen Gemeinschaft - an die Rektoren der Hochschulen der Ukraine


Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

Die akademische Gemeinschaft des Lwiwer Gebietes wendet sich an Sie mit der Bitte, uns mit akademischer Würde und Verantwortung bei dieser harten Prüfung in Demokratie und Humanität zu unterstützen.

Die Bildung soll die Gesellschaft konsolidieren, in ihr eine allgemeine, rechtliche und politische Kultur erziehen. Diese soll auf akademischer Freiheit, Pluralismus und Toleranz beruhen. Nur in autoritären Staaten wird Bildung dazu missbraucht, die Bürger machtgehörig zu erziehen, und wird somit zum Opfer von Manipulation und Diskriminierung. Eben in solchen Staaten entsteht der Mythos von der Fähigkeit der Macht, sich die Universitäten unterzuordnen und die Studentenschaft zu manipulieren. Es wird versucht, die akademischen Werte grob zu verletzen, was zum moralischen Kollaps führt. Im Laufe dieses Jahres proklamierten sie mehrmals im Namen ihrer akademischen Gemeinschaften und in eigenem Namen in Universitätssitzungen, in der Presse, in Radio und Fernsehen die akademischen Werte und verlangten die Wahrung der Universitätsautonomie im Kontext der Notwendigkeit, die Ukraine dem Bologna-Prozess und dem europäischen Ausbildungsraum anzuschließen.

In diesem kritischen Moment der ukrainischen Geschichte wenden wir uns an Sie. Wir rufen Sie dazu auf, Ihre akademische und Ihre Haltung als Zivilbürger zu äußern. Auf solche Weise bewahren wir die akademischen Traditionen und erfüllen unsere Mission vor der ukrainischen Gesellschaft durch die Festlegung der wahren demokratischen Prinzipien und Ideale. Unsere Studenten haben ihre Wahl getroffen. Die Universität ohne Studenten ist keine Universität. Wir dürfen das nicht vergessen und freuen uns darüber, dass unsere Jugend die Stärke der eigenen Stimme und der eigenen Vernunft demonstriert. Lernen wir, den politisch korrekten Dialog mit unserer Zukunft zu führen, und greifen wir nicht zu Gewalt und Drohungen.

Wir haben geschwiegen, während die staatlichen Fernsehsender die Teilung zwischen Ost und West aufdrängten, einen Bürgerkrieg provozierten und durch Werbung für Sozialprojekte Feindbilder schufen, und dabei zu Propaganda mit faschistischer Symbolik griffen. Wir haben geschwiegen, während einzelne Hochschulleiter die akademischen Freiheiten und die Verfassungsrechte ukrainischer Studenten grob verletzten. Dabei versuchten sie, ihnen Würde und Stimme zu nehmen, was von den alarmierenden Tendenzen des Autoritarismus in der Ausbildung, von der offensichtlichen Asymmetrie in den Beziehungen zwischen Regierung, Gesellschaft und Universität zeugt. Wir haben geschwiegen, als sich die Hand der Miliz gegen unsere Studenten in Sumy erhob und danach in allen Ecken unseres Landes. Sie haben die Studenten zu Terroristen und Verbrecher erklärt. Nirgendwo mischen sich, laut der Lima-Deklaration über die akademischen Freiheiten und die Universitätsautonomie, die Machtstrukturen in das akademische Leben ein, eben deshalb hat die Miliz auf dem Campusgelände keine Macht.

Sehr geehrte akademische Gemeinschaft! Es ist die Zeit der Wahl zwischen Wahrheit und Fälschung, zwischen Freiheit und Autoritarismus, zwischen der würdigen Wahrung akademischer Werte und ihrer Vernichtung gekommen.

Wollen wir die würdige Wahl treffen. Wir dürfen auf keinen Fall die Ausbildungstraditionen und Ideale schänden. Sagen wir "Nein" - zu Lüge, Gewalt, Manipulationen, zum Schören von Feindschaft sowie zur künstlichen Teilung unserer Gesellschaft! Die Gesellschaft fordert Gerechtlichkeit und Wahrheit. Unterstützen wir sie!

Im Namen der akademischen Gemeinschaft des Lwiwer Gebietes

Vorsitzender des Rektorenrates der Hochschulen des Lwiwer Gebietes
Rektor der Nationalen Ivan-Franko-Universität Lviv
Professor Ivan Vakarchuk